„Demokratie in Gefahr: Aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen“: Deutsch-polnischer Schüler*innenaustausch zwischen der Gesamtschule Lohmar und dem Heveliuz Liceum – Ein Treffen in Berlin

Kürzlich fand die zweite Schüler*innenbegegnung in Berlin zwischen der Gesamtschule Lohmar und dem V Liceum Ogolnoksztalcace im. Jana Heweliusza – ein Gymnasium in Legnica, Polen – statt. Der Austausch war die Fortsetzung einer Begegnung im Vorjahr; damals wünschten sich die Teilnehmer*innen eine Vertiefung des Themas „Demokratie in Gefahr: Aus der Vergangenheit für die Gegenwart lernen“. Dies sollte vor allem durch Begegnungen und Interviews mit Zeitzeugen geschehen. Die Teilnehmer*innen beider Delegationen im Alter von 15 bis 20 Jahren hatten dafür Interviews vorbereitet. Zu dieser zweiten Begegnung reisten die Lohmarer und Legnicer Delegation mit jeweils 12 Schüler*innen und zwei Lehrer*innen mit dem Zug nach Berlin.  

Am ersten Tag stand der Besuch des ehemaligen Stasi-Gefängnisses Hohenschönhausen an. Die Delegation aus Polen und Lohmar wurde von Prof. Matthias Leupold durch die Gedenkstätte geführt. Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet und er entschloss sich zunächst für ein Leben in der DDR. Dort wurde er als junger Mann in der DDR als Fluchthelfer ohne Anklage mehrere Wochen eingesperrt, bevor er zu einer mehrjährigen Haftstrafe wegen Beihilfe zur „Republikflucht“ (Flucht aus der DDR) verurteilt wurde. Die Schüler*innen waren sehr berührt, als er ihnen die Zelle zeigte, in der er wochenlange ohne Kontakt zur Außenwelt verbracht hatte und über Wochen verhört und gefoltert wurde. Was ein Staat ohne Demokratie bedeutet, konnten sich hier alle Besucher vorstellen. 

Am Folgetag traf die Delegation die erste Zeitzeugin. Doris Steinke, eine Dame im Alter von 96 Jahren, beantwortete nach bestem Wissen alle Fragen der interessierten Schüler*innen. Sie berichtete von ihren Erinnerungen vom Ende des 2. Weltkrieg, den sie in einem Keller in Anklam erlebte, und von ihrer Freude beim Fall der Mauer in Berlin. Als Mitglied eines Vereins polnisch-deutscher Großeltern setzt sie sich immer noch für die polnisch-deutsche Freundschaft und europäische Verständigung ein. Sie äußerte sich auch besorgt über das fehlende Zuhören und Miteinanderreden in der Gesellschaft, was wichtig für eine gesunde Demokratie sei. 
Am nächsten Tag erwartete die Delegation den letzten Zeitzeugen der Begegnung, Herrn Ribka (88 Jahre). Herr Ribka hatte als Lehrer selbst polnisch-deutsche Begegnungen betreut und beantwortete alle Fragen, die ihm die polnischen und deutschen Schüler*innen stellten, sehr bedacht. Sein Appell, die Demokratie zu unterstützen und die Freiheit zu bewahren, war für alle eindringlich. Herr Ribka war seinerseits sehr beeindruckt von der Kommunikation der polnisch-deutschen Delegation, die wechselseitig die Übersetzung (Polnisch-Englisch-Deutsch) übernahm. Er berichtete im Anschluss in einer Mail: 

„Bitte sagen Sie den jungen Leuten, dass ich mich gefreut habe, so interessierten und aufmerksamen Fragen Rede und Antwort gestanden zu haben. Interessant für mich selbst war die Beobachtung, dass die Kommunikation unter den jungen Leuten beider Nationen über das Englische heutzutage so gut funktioniert und dass die faktische Sprachlosigkeit bei Schulbegegnungen früherer Jahre vorbei ist. (…) Es geht vorwärts beim Abbau der Sprachlosigkeit.“
Gerne möchten die Schüler*innen beim nächsten Treffen im Oktober das erfolgreiche Konzept der Zeitzeugeninterviews wieder aufgreifen und zu einem weiteren, sehr aktuellen Thema, fortführen: „Auf den Spuren jüdischen Lebens in der Vergangenheit und Gegenwart in Wroclaw – Antisemitismus verhindern“. Das nächste Treffen wird wieder in Legnica bzw. Wroclaw stattfinden. Dort möchten die Teilnehmenden mit Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Wroclaw und auch mit jungen polnischen Menschen jüdischen Glaubens über das Thema sprechen.